26.9.03
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Immer mehr Pillen für "Zappelphilippe" (sol.de)
Experten beleuchteten das Thema hyperaktive Kinder von unterschiedlichen Seiten
Die Thematik ist hoch aktuell, und wenngleich das Tagungsthema "Pillen für den Zappelphilipp" für den einen oder anderen etwas salopp formuliert war, so verbirgt sich dahinter doch ein ernstes Problem: Immer mehr Kinder leiden unter dem "Hyperkinetischen Syndrom", bekannter unter den Stichworten Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen (ADH oder ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom). In einer hochkarätigen Fortbildungsveranstaltung im Bürgerhaus in Saarbrücken-Dudweiler war es den beiden saarländischen Lehrerbildungsinstituten (ILF und LPM) gelungen, mit dem Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverband sowie dem VDS-Fachverband für Behindertenpädagogik zwei bundesweit bekannte Spezialisten auf diesem Feld zu gewinnen.
Dies war zum einen die Lerntherapeutin Dr. Margarete Liebrand aus Hamburg, welche die Thematik aus pädagogischer und psychologischer Sicht beleuchtete. Ganz besonders froh waren die Veranstalter, dass auch Professor Dr. Alexander von Gontard für diese Veranstaltung gewonnen werden konnte. Der Kinderpsychiater gilt als medizinischer Experte auf diesem Gebiet und wechselte zum ersten September von Köln als neuer Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie an die Universitätskliniken nach Homburg. Die Hamburger Pädagogin Margarete Liebrand versuchte in ihrem Hauptreferat die Zusammenhänge zwischen Lernen, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und der Frage nach Motiven und Sinn beim Lernen zu erhellen. Sie wies dabei darauf hin, dass sich der Verbrauch des bekanntesten Medikamentes Ritalin allein von 1995 bis 1999 von 0,7 Millionen auf 31 Millionen Tabletten um mehr als das Vierzigfache gesteigert habe. Zwar sind die Tabletten für viele Eltern und Pädagogen der betroffenen Kindern oft ein unumgänglicher Wirkstoff, ohne den die Kinder in ihrem sozialen und schulischen Umfeld verloren wären, dennoch appelliert die Hamburger Pädagogin an alle Betroffenen im Umfeld der Kinder, nicht allein nur auf die Pharmakotherapie zu setzen. Es bedürfe neben der medizinischen Therapie auch der pädagogischen und psychologischen Einflussnahme und Hilfe. Und sie verwies auch auf die Einflussmöglichkeiten der Umwelt, denn Gene seien nicht "Schicksal", sondern sie brauchten auch ein Umfeld, um wirksam werden zu können.
Dr. Alexander von Gontard wollte sein zweites Hauptreferat nicht auf eine reine medizinische Sichtweise eingeengt wissen, sondern er hatte sich zum Ziel gesetzt, über aktuelle Befunde im Bereich des Problemfeldes zu informieren. Er beschrieb medizinische Diagnose und Einwirkmöglichkeiten, wobei sein Augenmerk als Mediziner mehr auf der Pharmakotherapie lag. Insgesamt - trotz hoher Quote und damit eingeschlossener Missbrauchsrate - seien viele hyperkinetische Kinder noch unterversorgt. Gontard wollte den Teilnehmern der Tagung sozusagen die Bedenken vor den entsprechenden Produkten der Pharma-Industrie nehmen. Das gebräuchlichste Mittel Ritalin und vergleichbare Präparate seien mit die am besten erforschten und auf ihre Langzeitwirkung untersuchten Mittel in der Praxis des Kinderarztes oder -psychiaters. Eine wirksame Therapie sei ohne diese Stimulanzien nicht möglich.
In Arbeitskreisen wurde die Problematik weiter diskutiert, dabei leiteten auch die Schulpsychologen Gunther Schneider aus Saarbrücken sowie Clemens Altmeyer aus St. Wendel Arbeitskreise, in denen praktische Hilfestellung angeboten wurde. Die Fachtagung wurde von mehr als 150 Pädagogen und Erziehern sowie betroffenen Eltern besucht.





