15.3.04
ADHS: Ritalin schärft die Konzentration
Bereits 1846 lieferte der Frankfurter Nervenarzt Heinrich Hoffmann im ŤStruwwelpeterť mit dem ŤZappel-Philippť und ŤHans Guck-in-die-Luftť frappierend genaue Beschreibungen von ADHS-Symptomen - so nah dran, dass viele Experten glauben, er habe selbst daran gelitten.
Heute gilt ADHS als die häufigste Ursache für psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter. Und: Die Krankheit ist nicht heilbar!
Es geht darum, den Patienten mit geeigneten Therapieansätzen ein weitgehend Ťnormalesť Leben zu ermöglichen. Man geht davon aus, dass zwei bis zehn Prozent aller Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen daran leiden. ADHS ist eine genetisch mitbedingte - also vererbbare - neurobiologische Störung. Die Patienten leiden offensichtlich an einem Mangel oder einer verminderten Wirkung der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn. Botenstoffe (Neurotransmitter) leiten Informationen von einer Nervenzelle zur nächsten.
Dopamin steuert Antrieb und Motivation, Noradrenalin sorgt für Aufmerksamkeit. Bei einem Mangel ist die Konzentration auf eine Sache gestört. Zudem kann das Gehirn unwichtige Impulse schlecht hemmen und filtern.
So kommt es zur Reizüberflutung, die sich in den typischen Symptomen Ablenkbarkeit, Hyperaktivität und Impulsivität äußert. Es gilt also als sicher, dass ADHS nicht durch Fehler in der Erziehung oder mangelnde Intelligenz ausgelöst wird.
Medikamente wie Ritalin stellen das Kind nicht ruhig, sondern machen es aufnahmebereiter. Es kann sich besser auf eine Aufgabe konzentrieren. Das liegt an der Erhöhung der Dopamin-Konzentration im Gehirn, hervorgerufen durch den Wirkstoff Methylphenidat.
Der wirkt bei gesunden Menschen euphorisierend und kann - in riesigen Mengen eingenommen - psychisch abhängig machen. Deshalb fällt der Wirkstoff und damit das Medikament unter das Betäubungsmittelgesetz.
Bei ADHS-Kranken ist die Wirkung anders; sie rufen bei ihnen weder Euphorie hervor noch wirken sie dämpfend wie ein Beruhigungsmittel. Die Gefahr der Abhängigkeit schließt die Wissenschaft aus. Allerdings: Es gibt noch keine abschließenden Erkenntnisse über mögliche Langzeit-Nebenwirkungen. Betroffene beschreiben die Wirkung von Ritalin so: Man sieht die Welt wie durch eine Brille - schärfer und konzentrierter. Allerdings wirkt das Mittel am besten bei reinen Aufmerksamkeitsstörungen. Bei Hyperaktivität gilt: Den Kindern Raum geben und das Umfeld so gestalten, dass sie so wenig wie möglich anecken. Oft verschwindet die Hyperaktivität, von der Jungen stärker betroffen sind, in der Pubertät. Das Medikament ist die Grundlage für die weitere Therapie - oft ermöglicht es diese erst. Dazu gehört die psychologische Behand- lung der Kinder mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen, aber auch die intensive Arbeit mit den Eltern, zum Beispiel im Rahmen von speziellen Trainings.
Ritalin ist kein Wundermittel. ADHS-Kinder benötigen klare Regeln, ein ruhiges Umfeld und viel Geduld - Konsequenz statt Strafen, Ermutigungen statt Ermahnungen. Denn diese Kinder sind keine ŤQuälgeisterť, weil es ihnen Spaß macht. Sie leiden an einer Krankheit!
Ansprechpartner bei der Diagnose und Therapie von ADHS sind neben Kinderärzten und Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie die Sozialpädiatrischen Zentren der Kinderkliniken am Aachener Klinikum, am Stolberger Bethlehem-Krankenhaus und am St. Marien-Hospital in Düren-Birkesdorf. Außerdem: die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Klinikum.
Es gibt viele Initiativen und Selbsthilfegruppen, die Rat und Hilfe geben. Ansprechpartner vermitteln bundesweite Organisationen, etwa:
Bundesverband Arbeitskreis Überaktives Kind e.V., Postfach 410724, 12117 Berlin, 030/85605902, Kontaktperson des Vereins in der Region ist Herta Bürschgens in Eschweiler: 02403/506466, E-Mail: auek.buerschgens@gmx.de
(Aachener-Zeitung.de)





