15.3.04
Pillen für den Zappelphilipp
Ritalin ist ein Segen für Kinder mit der Wahrnehmungsstörung ADS - aber zugleich ein zweischneidiges Schwert!
(von Irina Bosse-Kohlhaas)
Sie zappeln ständig, sie sind wild und unkontrolliert. Sie können nicht zuhören. Alle Bitten und Aufforderungen muss man zehnmal wiederholen. Der Umgang mit hyperaktiven Kindern fordert viel Geduld und starke Nerven, von den Eltern ebenso wie von ihren Lehrern und Klassenkameraden. Die kleinen Rabauken mischen den Alltag in Familie und Schule gehörig auf. Sie fallen aus dem Rahmen und überschreiten Grenzen.
Lange Zeit galten hyperaktive Kinder einfach als "unerzogen". Heute geht man davon aus, dass hinter dem auffallenden und störenden Verhalten nicht schlechte Erziehung oder böse Absicht steckt, sondern eine Krankheit: Die impulsiven Kinder leiden an einer Wahrnehmungsstörung, genannt Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS). Und dieses Syndrom kann sich mit oder ohne Hyperaktivität zeigen.
ADS bedeutet, dass die Betroffenen ihre Aufmerksamkeit nicht gezielt auf etwas ausrichten können, sie können sich nicht konzentrieren und sind deshalb leicht ablenkbar. Die ungezügelten Verhaltensweisen sind eine Folge dieser gestörten Wahrnehmung und machen das Zusammenleben mit den Kindern so beschwerlich.
Lange Zeit wurde das Phänomen "Hyperaktivität" als Modediagnose abgetan und belächelt. Inzwischen halten die meisten Mediziner ADS für eine ernstzunehmende Krankheit, von der etwa fünf bis zehn Prozent aller Kinder betroffen sein sollen. ADS wäre damit die häufigste psychische Erkrankung im Kinder- und Jugendalter.
Die Erforschung des ADS in den letzten zehn Jahren hat gezeigt, dass die Erkrankung viele Facetten haben kann. Das Herumzappeln oder Kippeln auf dem Stuhl als sichtbarstes Merkmal spielt dabei nur noch eine untergeordnete Rolle. Viel gravierender ist die Tatsache, dass die kleinen Störenfriede häufig zusätzlich eine Lese-Rechtschreibschwäche haben, an emotionalen Störungen und an Störungen im Sozialverhalten leiden. Die Liste der Auffälligkeiten ist lang: unkontrollierbare Wutausbrüche, Aggressionen gegen sich und andere, Ess-Störungen, Depressionen.
An der Universitätsklinik Jena versuchen Forscher der Ursache für die Aufmerksamkeits-Störung auf die Spur zu kommen. Bei ihren Untersuchungen lassen sie Kinder mit und ohne ADS an Konzentrationstests teilnehmen. Gleichzeitig machen sie mit einem Kernspintomographen Aufnahmen vom Gehirn, also während der gedanklichen Aktion. Die ersten Ergebnisse dieser aktuellen Studie bestätigen die Hypothese, dass der Stoffwechsel im Gehirn an ADS beteiligt ist: Die Forscher stellten fest, dass einige entscheidende Hirnregionen bei den ADS-Patienten mangelhaft aktiviert werden, was schließlich zu einer Störung in der Weiterleitung von Reizen mündet.
Wie bei vielen psychischen Erkrankungen scheint auch hier der Botenstoff Dopamin eine wichtige Rolle zu spielen. "Es gibt starke Hinweise, dass im frontalen Bereich eine Dopamin-Unterfunktion vorliegt, die wahrscheinlich für das impulsive und ungesteuerte Verhalten verantwortlich ist. Dagegen liegt in den Basalganglien eine Dopamin-Überfunktion vor, die das hypermotorische Verhalten verursachen könnte," erklärt Professor Bernhard Blanz von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uni Jena.
So unsicher die Erklärungsmodelle auch sind, eines steht für die Ärzte fest: Die betroffenen Kinder müssen behandelt werden, denn ihr auffallendes Verhalten prädestiniert sie geradezu für einen Entwicklungsweg, der ins soziale Abseits führen kann. Sie machen sich durch ihr chaotisches und impulsives Verhalten unbeliebt, bleiben häufig Außenseiter, die vielen Misserfolge nagen an ihrem Selbstbewusstsein und oftmals werden sie auf Sonderschulen abgeschoben. "Das sind natürlich nicht nur für die schulische Entwicklung, sondern auch für die persönliche Entwicklung und für die Selbstwertentwicklung große Benachteiligungen", erklärt Bernhard Blanz.
Aus diesem Grund hält er eine früh einsetzende Behandlung für besonders wichtig. Neben Elterntraining und Verhaltenstherapie für die betroffenen Kinder stützt sich die Therapie heute auf Medikamente aus der Gruppe der Stimulanzien. Als am wirksamsten hat sich die Substanz Methylphenidat erwiesen. Es ist ein Psychopharmakon, das unter dem Markennamen Ritalin immer häufiger verschrieben wird. Ein starkes Geschütz: Methylphenidat ist ein Amphetaminderivat, chemisch verwandt mit Kokain und ähnlich in der Wirkung. Es gilt als konzentrations- und leistungsfördernde Substanz. Übrigens nicht nur bei ADS-Patienten, sondern bei jedem. Und: Es ist eine psychotrope Droge, das heißt, sie wirkt persönlichkeitsverändernd.
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